«Pizzeria Cholloch» begeisterte Ricken Wanderbericht
Rickner «Quer»-Wanderung bot Geschichtliches, eine herrliche Aussicht, Pizza und vieles mehr.

Das Programm war vielfältig, die Organisation einwandfrei: Wer am Sonntag durch das Gebiet um das Dorf Ricken wanderte, durfte mit vielen neuen Eindrücken und Informationen nach Hause gehen.

nina kobelt

Rund dreissig Personen schlossen sich am Sonntag den beiden Wanderleitern Josef Rüegg und Otto Züger an. Ricken ist keine politische Gemeinde. Es umfasst Gebiete von Ernetschwil und Wattwil. So war die erste Disziplin auf der Wanderung «Gemeindehüpfen». Dank dem Drei-Gemeinde-Eck schritten die Wanderer von Ernetschwiler Boden auf Wattwiler Gelände und ehe man sichs versah, befand man sich in der Gemeinde St. Gallenkappel.
Torfstechen und Eissägen

Bei der Chäseren bereicherte Walter Rüegg, Unternehmer und Gemeinderat, die Teilnehmer mit geschichtlichen Informationen rund um das Dorf Ricken (siehe «Heidelbeerwein und Torfwasserliqueur»). Unter anderem erfuhren die interessierten Wanderer, dass in Ricken bis in die 50er-Jahre Torf für Heizzwecke abgebaut wurde. Was heute einen Verstoss gegen das Naturschutzgesetz bedeuteten würde, war früher ein beliebter Nebenverdienst. Weiter wurden zwei Steinbrüche betrieben. Walter Rüegg: «Phänomenal, dass man Sandstein abbaute in diesem Nagelfluhgebiet!» Die Gastronomie spielte schon immer eine wichtige Rolle in der Geschichte des Dorfes. Vor der Zeit der Tiefkühltruhen wurden die Getränke mit Eisblöcken gekühlt. Auch in Ricken wurde der Bach im Herbst gestaut, so dass das Wasser gefror. Man zersägte das Eis und lieferte es in Brauereien und Wirtshäuser.

Rundschau auf Tönnerenegg

Auf der Tönnerenegg, 994 Meter über Meer, hat man eine herrliche Aussicht auf die umliegenden Gebiete. Josef Rüegg ortete in seiner «Rundschau» den Zürichsee, die Glarner Berge, den Köbelisberg und vieles mehr. Zu bedeckt war der Himmel, um in der Ferne die Rigi zu erblicken.

Josef Rüegg entdeckte dafür etwas anderes: «Dort im Loch müsste eigentlich die Pizza sein!».

Gemeint war das Cholloch, wo Walter Rüegg zusammen mit der Wanderleitung, Leuten des Dorfladens und dem Chnobli-Club das Mittagessen vorbereitet hatte. Ebenfalls auf der Tönnerenegg befindet sich die «verhinderte» Sternwarte. Diese wurde noch in den 60er-Jahren erbaut, jedoch ohne Wegrecht. Der Besitzer ist längst verstorben, die Instrumente verkauft. Nur das alte Gebäude an bester Lage erinnert noch an die Sternengucker.


Die Wandergruppe wurde begleitet von der Familie Stocklin, deren Pferdezucht sich auf der Niederlaad befindet. Auf dem Rückweg nach Ricken machten die «Quer»-Wanderer einen kurzen Halt am Rande der Pferdeweide.


Chnobli-Club Ricken sorgte für das Mittagessen

«Wir kochen lieber spontan.» Der Präsident des Chnobli-Club Ricken, Andi Ricklin, erklärt, dass die Hauptversammlung das wichtigste Ereignis sei. Er muss aber gestehen, dass sich auch der Höck Ende Januar eingebürgert hat. Alles andere, zum Beispiel das Kochen an einem Fest oder eine Chnobli-Party im Cholloch, wird spontan organisiert.


So auch das Pizza-Essen für die rund dreissig Gäste der «Quer»-Wanderung vom Sonntag. Die Chnobli-Köche stellten ihre beiden Pizzaöfen zur Verfügung und zauberten ein traumhaftes Menü auf den Tisch. Der Chnobli-Club Ricken ist einzigartig in der Schweiz. Gegründet wurde er vor etwas mehr als neun Jahren. Auch das sei eine spontane Aktion gewesen, so Andi Ricklin, er und ein paar Kollegen und Kolleginnen hätten an Pfingsten im Freien gekocht und so sei die Idee entstanden.

Der Club zählt rund 80 Mitglieder, die zum Teil von weit her kommen, zum Beispiel aus dem Kanton Thurgau oder aus Appenzell. Eine 80-jährige Frau aus dem Berner Oberland hätte ihnen manche Chnobli-Rezepte geschickt. Es muss aber nicht immer Knoblauch sein. Aus dem Chnobli-Höck wird auch schon einmal ein Spaghetti-Plausch oder ein Fondue-Essen. «Hauptsache, es macht uns Spass», lacht Andi Ricklin, der am Freitag geheiratet hatte und am Sonntag schon vor dem Pizzaofen stand und für die hungrigen Wanderer kochte.

br
Heidelbeerwein und Torfwasserliqueur

Historisch hat das Dorf Ricken einiges zu bieten. Bereits im achten Jahrhundert bestand nachweislich Verkehr über den Ricken, da Grundbesitze des Klosters St. Gallen die Verbindung zum Gebiet um Uznach erforderten. Mit der Gründung von Lichtensteig und Uznach im Jahre 1228 wurde der Übergang Ricken noch bedeutender. 1468 wurde das Toggenburg der Fürstabtei St. Gallen zugeschieden. Uznach und Gaster hingegen waren Untertanengebiete von Schwyz und Glarus. Der Rickenbach, welcher noch heute die Bezirke Neutoggenburg und See trennt, bildete die Grenze zwischen diesen beiden Gebieten. Urkundlich erwähnt wurde der Namen Ricken erstmals im Jahre 1471. Nach Verhandlungen, massiven Auseinandersetzungen und dem Toggenburgerkrieg beschloss der Toggenburger Landrat 1786 eine Verbindung von Wattwil nach Ricken zu bauen. So wurde schliesslich im Jahre 1788 eine durchgehende Fuhrwerkstrasse von Wattwil bis Uznach fertig gestellt. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Rickenstrasse mit der Postkutsche passiert.
Ein spezielles Stück Geschichte ist die «Ansichtskarte aus dem Jahre 1907, ergänzt mit Zahlen und Text zur Zukunftssicherung von Ricken». Gemäss diesem «Werbeprospekt» soll es in Ricken «Kurhaus und Bäder, reelle Getränke, Spezialität: Heidelbeerwein und Torfwasserliqueur» geben. Weitere Visionen: «Massenquartier für Sommerfrischler», «Beliebiege Weiterbeförderung per lenkbarem Luftschiff à la Zeppelin» oder eine «Drahtseilbahn nach Regelstein (Aktien sind noch zu haben)». Aus Alt wird Neu: Historisches rund um das Dorf Ricken findet man, unserer Zeit angepasst, auf der Homepage von Ricken unter www.ricken.ch. Dort erfährt man auch, dass mit dem Bau der Kirche 1783 begonnen wurde und dass die katholische Kirchgemeinde heute noch die einzige eigenständige Körperschaft im Dorf bildet. Schulgemeinde, Wasserversorgung und Feuerwehr sind von Wattwil her organisiert. Der Link «Historisches» ist sich sicher:

«Die Rickner sind wohl politisch getrennt, gesellschaftlich aber eine Einheit.»

bs
Wörtlich: Glücksfall für Armee

walter rüegg

Im Cholloch Ricken befindet sich einer der bedeutendsten Schiessplätze der Schweizer Armee. Vor dreissig Jahren verkauften die Bauern den Boden, welcher schon früher für Manöver und Übungen genutzt worden war. Das Cholloch ist insofern ein Glücksfall für die Armee, als sich das Gelände ideal präsentiert und ohne Auflagen auskommt. Seit der Übernahme des Bodens ist viel Neues entstanden: die Unterkunft bietet hundert Schlafplätze, eine Küche und vieles mehr. Die Rickner geniessen ziviles Gastrecht im Schützenstand, und auch für die Pächter ist investiert worden: Der Kuh- und Schafstall präsentiert sich modern und bietet den Tieren eine optimale Unterkunft. Einzigartig in der Schweiz: das Armee-Restaurant Hüttenberg, welches kürzlich neu eingerichtet wurde. Umgekehrt ist das Übungsareal für die Region von Nutzen: Obwohl das Cholloch dem Militär nur als Notunterkunft oder als Kurzaufenthaltsort dient, profitieren die Rickner in wirtschaftlicher Hinsicht von den Gästen, welche entweder in Wattwil oder in St. Gallenkappel stationiert sind. Der Schiessplatzbetrieb ist diszipliniert und sauber und somit eine Bereicherung für Ricken.

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